Die Entwicklung des Rapierfechtens

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts durchlief die italienische Fechtkunst eine tiefgreifende Transformation. Die militärische Notwendigkeit, ein Schwert führen zu können, wurde, wenn auch nicht zur Gänze, dann doch weitestgehend obsolet und übergab die fechterische Praxis in die Hände des aufstrebenden zivilen Duellwesens.

Eine Waffe sollte zum Sinnbild dieser Entwicklung werden und den hellsten Stern am Klingenhimmel darstellen – das Rapier. Hand in Hand entwickelten sich die Form dieser Waffe und die Art sie zu führen aus dem früheren Seitschwert heraus. Die auch exzellent für Hiebe zu gebrauchende Klinge des spada da lato wurde in die Länge gezogen, das Gehilz zunehmend komplexer. Wo nun in der Offensive der Stich als non plus ultra galt, dadurch schwand die Anzahl der Guardien und die Positionen verlagerten sich weitestgehend in einen schmalen Sektor vor den Fechter.

Freilich beschlossen die italienischen Nobelmänner nicht von heute auf morgen, nun Rapier anstatt Seitschwert zu fechten, generell war ihnen diese Distinktion fremd. In den Quellen des 16. und 17. Jahrhunderts ist meist schlichtweg von spada (zu dt. Schwert) die Rede und die Charakteristika beider Begrifflichkeiten, die lediglich der Orientierung und dem Kategorisierungsdrang des modernen Menschen dienen, überlagern sich in vielen Facetten und sind keinesfalls finit. Genauso verhält es sich mit dem Fechtstil selbst, wenn auch die Prinzipien die gleichen bleiben, erste Auswüchse des Rapiers sind bei Angelo Viggiani dal Montone zu erkennen. Sein Buch Lo Schermo, fertiggestellt 1551 doch erst 1575 veröffentlicht, reiht sich klar in die Bologneser Seitschwerttradition ein, doch ist hierin das Guardien-System bereits stark simplifiziert und im Manual findet eine für die Zeit durchaus beachtlich lange Klinge Einsatz. Unisono wird allerdings der Architekt, Ingenieur und Mathematiker Camillo Agrippa als maßgebende Figur genannt, wenn heute die Frage aufkommt, wer den Grundstein für das klassische Rapier-Fechten gelegt habe. Agrippa, geprägt von seinem naturwissenschaftlichen Hintergrund und analytischem Denken, brach endgültig mit der alten Tradition der komplizierten Nomenklatur und teilte die elementaren Guardien wie heute noch gebräuchlich ein in Prima, Seconda, Terza & Quarta. Seinem ganzen Werk von 1553 liegt ein durchkalkuliertes Konstrukt zugrunde, wie groß sein Einfluss war, sieht man etwa an Camillo Palladinis Werk (einen ersten Videoblick ins Buch findest du hier), welches Jahrzehnte später noch extreme Parallelen zu Agrippas Fechtbuch aufweist.

Allerhand Winkel bei Agrippa

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts gingen schließlich die beiden Werke des großen Zweigestirns des Rapiers in Druck, Ridolfo Capo Ferros Gran Simulacro dell’Arte e dell’Uso della Scherma, nicht selten als Krönung der Fechtkunst schlechthin bezeichnet, & Salvator Fabris‘ Lo Schermo, overo Scienza d’Arme. Im Gegensatz zu Capo Ferro verstand es Fabris allerdings, seine Fechtkunst europaweit zu vermarkten und die deutsche Schule wurde von seinem Stil im 17. Jahrhundert tiefgehend geprägt.

Auch Capo Ferro bedient sich geometrischer Hilfslinien

Aber nur weil es plötzlich neuartige Schwerter gab, wurden die alten Kampfesweisen nicht sofort über Bord geworfen, so legte der Rapiermeister Francesco Alfieri Mitte des 17. Jahrhunderts noch mal ein Buch über den Umgang mit dem gewaltigen italienischen Zweihänder, dem Spadone, nach.

Um bei all diesen Entwicklungen den Überblick zu behalten, gibt’s jetzt diese praktische interaktive Rapier-Timeline, auf der freilich nur einige bekannte Fechtmeister dieser Zeit Platz gefunden haben. Das ganze gibt es hier auch als Poster, für die Fechthalle oder einfach nur zum über’s Bett Hängen.

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timeline of italian rapier fencing masters
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This diagram is not by Camillo Palladini, but it is very similar to the floor diagram he uses in his manuscript.
This diagram is from Marco Docciolini’s work Trattato in Materia di Scherma, Firenze, 1601.

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